Wandel beim Bergsteigen: „Unmöglich“ heißt die Vergangenheit zu wählen

Nicht die Eiger Nordwand - dafür aber auch für "Normalsterbliche" wie den Autor erklimmbar. Foto: Sebastian Herold

Nicht die Eiger Nordwand – dafür aber auch für „Normalsterbliche“ wie den Autor erklimmbar. Foto: Sebastian Herold

Von Dr. Sebastian Herold

Der menschliche Erfindungsgeist überrascht einen immer wieder. Selbst in Bereichen, in denen man so gut wie keine Veränderungen erwartet, ist der Wandel durch technischen Fortschritt manchmal atemberaubend. Die menschliche Physis hat sich seit Jahrtausenden kaum geändert. Und trotzdem wurde aus einer Strecke, die einst eines der letzten ungelösten Bergsteigerprobleme der Alpen darstellte und bei ihrer Bezwingung drei Tage in Anspruch nahmen, nunmehr eine sportliche Trainingstour, die mittlerweile in der Rekordzeit von weniger als drei Stunden zurückgelegt wurde.

Die majestätische Nordwand des Eiger in den Schweizer Alpen galt noch 1864 als „absolut unersteigbar“, weckte aber schon bald die Sehnsüchte der Bergsteiger. Der erste ernsthafte Durchsteigungsversuch startete 1934, mehrere weitere folgten, die meisten endeten tödlich. Eines dieser Dramen, das um die Bergsteiger Toni Kurz und Andreas Hinterstoißer aus Bad Reichenhall, hat Philipp Stölzl 2008 in seinem Film „Nordwand“ einem größeren Kinopublikum vor Augen geführt. Nach mehrtägigem Ringen mit dem Berg und seinem Wetter ließen beide Protagonisten ihr Leben. Eine Vierer-Seilschaft um Anderl Heckmair vollbrachte 1938 in einer dreitägigen Tour die Erstbesteigung. Diese war auch ein Triumph neuer Ausrüstung. Steigeisen wurden zwar bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet. Erst seit 1938 waren jedoch zwölfzackige Modelle verfügbar, die Touren im steilen Eis ohne kraftraubendes Stufenschlagen ermöglichten.

Heutzutage, mehrere Jahrzehnte weiter in der Entwicklung des Bergsportausrüstung, haben sich die Bedingungen erneut gewandelt. Jacken aus schwerem Segeltuch, traditionelle Eispickel mit langem Holzstiel, klobige Schuhe oder grob geschmiedete Eisensporn-Sicherungen gehören der Vergangenheit an. Bessere Funktionalität bei massiv gesteigerter Qualität und extremer Gewichtsreduktion haben Quantensprünge in der Durchsteigungszeit ermöglicht. Den aktuellen Rekord hält der Schweizer Dani Arnold. Er durchkletterte die Wand in zwei Stunden und 28 Minuten.

„Unersteigbar“ oder „unmöglich“ sind Aussagen, die die Vergangenheit korrekt wiedergeben mögen. Dort verharren sie dann auch. Den Blick nach vorne auf neue Ideen und Ansätze verbauen sie.

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Quellen:

  • Tolsdorff, Tim (2013): Eiger-Nordwand-Jubiläum: Früher Todesfall, heute Rennstrecke, Spiegel Online, Abruf 23.07.2013.
  • Wikipedia (2014): Eiger-Nordwand, Abruf 08.03.2014.

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